„Wittenberger Erklärung – zur Sicherung der Pflege im Deutschland der nächsten Jahre“

„Wittenberger Erklärung zur Sicherung der Pflege im Deutschland der nächsten Jahre“

(Diese „Wittenberger Erklärung“ bildet die Grundlage der Nationalen Initiative „pflege für deutschland sichern“) Aktualisierung durch Beschluß des Vorstandes des Deutschen Vereins zur Förderung pflegerischer Qualität e.V. vom 20.12.2017, Erstveröffentlichung 09.09.2016 im historischen Rathaus der Lutherstadt Wittenberg

 

Die Menschen in Deutschland wollen sich in die zukünftige Sicherung von Pflege und Betreuung in unserem Land einbringen. Alter, Unterstützungsbedarf im Alltag sowie Krankheit führen dazu, dass unter Umständen Hilfe von Dritten notwendig wird. Jeder Mensch hat den Respekt und die Fürsorge unseres Landes verdient. Der Respekt vor den Lebensleistungen der Menschen, die unser Land aufgebaut haben, die sich eingebracht haben, entspricht unserem Bild, unserer Vorstellung eines gesellschaftlich anerkannten Vertrages der Generationen.

Der Deutsche Verein zur Förderung pflegerischer Qualität e.V. (im weiteren Verein), als Träger dieser Nationalen Initiative, fordert alle Menschen in Deutschland zu einer konzertierten Aktion zur Sicherung von Pflege und Betreuung der derzeitigen und zukünftigen Generationen auf. Wir sehen dies als staatsbürgerliche Verpflichtung jedes Menschen in unserem Land und nicht nur als Aufgabe staatlicher Politik, von Berufsgruppen, Wohlfahrtsverbänden, Interessenvereinigungen oder der Pflegewirtschaft. Die demografische Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten ist eine der größten Herausforderungen unseres Landes. Nicht nur die positive Lebenserwartung spielt hier eine Rolle, sondern auch die veränderten Strukturen in der Familie sowie Wanderungsbewegungen der letzten Jahrzehnte. Sie hat Auswirkungen auf alle Bereiche unseres Lebens und wird unser Land nachhaltig verändern. Besonders das Auseinanderdriften der Anzahl von lebenserfahrenen Menschen und der arbeitsfähigen Bevölkerung in jedem Bereich fordert ein Handeln unserer Gesellschaft. Aufgrund der sich abzeichnenden Entwicklung ist pragmatisches Handeln gefragt. Dem Verein ist klar, dass es schon viele Aktivitäten in diesem Bereich gibt und dass die nachstehenden Thesen nicht abschließend sind.

Aus diesem Grunde verfasst der Verein als Handlungsgrundlage diese nachstehende „Wittenberger Erklärung“

Vorsorge und Verantwortung

Die eigene Vorsorge und Verantwortung der Menschen in unserem Land kann und wird unsere Gesellschaft nicht vollständig abnehmen. Jeder hat hier soweit möglich selbstbestimmt für sich und seine Angehörigen Sorge zu tragen. Es ist Wissen zur Verfügung zu stellen. Jungen Menschen ist die Möglichkeit zu geben, den Pflegeberuf über unterschiedlichste Wege kennenzulernen, um Zusammenhänge zu erkennen, Wissen zu erwerben und Vorurteile abzubauen.

Respekt vor den Nutzern

Wir stehen für den Respekt von Nutzern pflegerischer und betreuerischer Leistungen. Es gilt Kundenzufriedenheit unter Beachtung von Qualitätsvorgaben zu sichern. Jeder Mensch hat das Recht, vor Grenzverletzungen, Übergriffen, Vernachlässigung und Gewalt geschützt zu werden. Jeder Mensch in Deutschland, der in die Pflege und Betreuung von Menschen eingebunden ist, unabhängig ob in der professionellen, ehrenamtlichen oder Angehörigenpflege, orientiert sich an den Idealen der „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“ (Deutsches Zentrum für Altersfragen).

Zulassung von Hilfen, Pflegebudget

Es sind alle Arten von ehrenamtlicher und gewerbsmäßiger pflegerischer und betreuerischer Hilfen in Deutschland unkompliziert zuzulassen. Möglichen Nutzern pflegerischer und betreuerischer Angebote ist ein niedrigschwelliger Zugang zu ermöglichen. Bürokratische Hürden sind angemessen zu verringern. Es gilt mutig neue Strukturen pflegerischer und betreuerischer Angebote zuzulassen. Der Nutzer soll hier frei entscheiden können. Wir sind für die Stärkung des Marktes. Wir empfehlen die Einführung eines freien Pflegebudgets.

Positive Wahrnehmung

Wir unterstützen jede staatliche, Non-Profit oder private Institution, Organisation oder Initiative, die sich an der positiven Verankerung des Pflege- und Betreuungsberufes in Deutschland mit unterschiedlichen Projekten beteiligt und mitwirkt. Medien sollten die positiven Seiten des Pflege- und Betreuungsberufes darstellen und ein reales Bild der Pflege in Deutschland vermitteln. Dies gilt ebenfalls für alle Bereiche von Bildung, Wissenschaft, Kunst und Kultur. Wir stehen für den Respekt vor der Arbeit von Pflegepersonen. Wir sehen die Verankerung von „Pflege und soziale Hilfen“ in Schulbüchern die sich mit Ethik, Religion, Heimatkunde sowie sozialem und gesellschaftlichem Handeln beschäftigen, als notwendig an.

Projekte und Initiativen

Uns ist klar, dass junge Menschen als Schulabgänger auf der Suche nach persönlichen Herausforderungen für ihre weitere Entwicklung sind. Schüler orientieren sich neben anderen Aspekten auch an der gesellschaftlichen Anerkennung des jeweiligen zukünftigen Berufes. Wir unterstützen alle freiwilligen Projekte und Initiativen der Nachwuchsgewinnung. Es sind Möglichkeiten zu eröffnen, den Pflegeberuf über unterschiedlichste Wege kennen zu lernen. Wir unterstützen die bundesweite Einrichtung eines Leistungskurses „Pflege, Gesundheit und soziale Hilfen“ an Schulen. Es sind allgemeinbildende Schulen, Schulen für pflegerische Berufe, Pflegeunternehmen, pflegenahe Unternehmen und staatliche Einrichtungen sowie Verwaltungen mit einzubeziehen. Ziel ist es Zusammenhänge, zu erkennen und Vorurteile abzubauen.

Politische Diskussion

Die Nationale Initiative unterstützt die parlamentarischen und außerparlamentarischen Vertreter sowie Verwaltungen in den Städten, Gemeinden, Ländern und im Bund im Diskussionsprozess um die weitere Entwicklung von Konzepten und Ideen für die Pflege in unserem Land auf der Grundlage unserer demokratischen Rechtsordnung. Der Verein gründet hierzu den German-Care-Club.

Migration

Wir sehen ausländische Pflegepersonen als eine Chance für unser Land und freuen uns auf diese Menschen. Für Menschen aus Entwicklungsländern verstehen wir dies auch als tätige Entwicklungshilfe. Eine gute fundierte medizinisch-pflegerische Ausbildung führt bei Menschen, die später wieder in ihre Ursprungsländer zurückkehren, zu eigenständiger Entwicklungshilfe als Wissens- und Methodentransfer. Gleichzeitig lernen wir auch von den Menschen, die zu uns kommen als gleichberechtigte Partner und respektieren deren Wissen und Lebenserfahrung. Es sind unkomplizierte Zugangsvoraussetzungen für ihr Tätig sein in unserem Land sowie die Anerkennung der im Ausland erworbenen Aus- und Fortbildung in Deutschland zu schaffen.

Aufgabendiskussion/Wissensmanagement

Wir sehen es als notwendig an, eine inhaltliche Aufgaben-, Struktur- und Leistungsdiskussion zur Entwicklung von Pflegefachpersonen zu Pflegemanagern zu führen. Wissensmanagement ist neben der Berufsmotivation und dem notwendigen Idealismus einer der Schlüssel für qualitätsgesicherte Pflege auch in der Zukunft. Wir wissen, dass Lehrer und Praxisanleiter hier sehr gute Arbeit leisten. Dieses Engagement wollen wir durch den „Tag des Pflegelehrers“ am 01. Oktober jeden Jahres besonders würdigen.

Fachliche Anerkennung/andere Berufsgruppen

Die Bundes- und Landespolitik ist aufgefordert, die Anerkennung weiterer Berufsgruppen mit Zusatzqualifikation für den Pflege- und Betreuungsberuf voranzutreiben. Es sind Anteile von Pflege und Betreuung in den Lehrinhalten ähnlicher Berufe zu verankern, um berufsübergreifend eingesetzt werden zu können. Wir stehen für die Anerkennung von langjähriger Berufs- und Lebenserfahrung bspw. auch bei Pflegepersonen (Pflegehilfskräften). Erworbene Abschlüsse in allen Bereichen der Pflege sind bundeseinheitlich unter den Ländern anzuerkennen.

Arbeitgeber

Arbeitgeber in der Pflege und Betreuung sollen Arbeitsrechtsverhältnisse begründen, die Berufsmotivation fördern, gesundheitliche Schäden (egal welcher Form) verhindern, Berufsflucht vermindern und genügend wirtschaftlichen und zeitlichen Rahmen enthalten, um Familien zu gründen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern. Ziel muss die Vollbeschäftigung bei ausgebildeten Pflegepersonen sein. Teilzeitbeschäftigungen und Befristungen dürfen nicht die Norm sein, sondern sollten sich aus der Lebensplanung der Beschäftigten ergeben. Es sind genügend Stellen vorzuhalten. Steuerrechtlich sollten hierfür Anreize geschaffen werden.

Das Verpflichtende Soziale Pflegejahr – VSP

Jeder junge Mensch soll die Möglichkeit bekommen, sich gesellschaftlich im Pflegebereich einzubringen, Lebenserfahrung zu sammeln und der älteren Generation für ihre Lebensleistungen Respekt entgegenzubringen. Das Thema Pflege der älteren Generation ist in unserer Gesellschaft angekommen. Viele junge Menschen wissen um Pflegebedürftigkeit und deren Auswirkungen in ihren Familien. Wir empfehlen deshalb die Einführung eines „Verpflichtenden sozialen Pflegejahres, VSP“. Ein wichtiger Bestandteil muss eine 1-monatige grundlegende Pflegeausbildung sein, die die Befähigung zur ordnungsgemäßen Umsetzung von einfachen Pflegetätigkeiten enthalten muss. Diese grundlegende Ausbildung soll auch später helfen, fachlich professioneller in der Familie helfen zu können. Wir sehen hier die Möglichkeit, ähnlich dem Zivildienst, junge Menschen für diesen Beruf zu begeistern.

 

Jens Frieß

Präsident

Deutscher Verein zur Förderung pflegerischer Qualität e.V.